Auf dem Pfahlbauweg um den Pfäffikersee

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Nein, im Kanton Zürich wurden nicht nur WC-Ente, Stewi, Dada, Doodle und Death Metal erfunden, sondern auch die Pfahlbauer:innen. Sozusagen. Wie das kam und wie diese einst lebten, erfährt man auf dem Pfahlbauweg von Pfäffikon nach Wetzikon – entlang des schönen Pfäffikersees.

Tatsächlich: Zürich ist ein Ort der Erfindungen. Von hier kommen unter anderem das MRI, der Bouillonwürfel, Vivi Kola und der Rorschachtest, Planted Chicken oder der Beamer. Und ja: Sogar die Pfahlbauer:innen wurden hier erfunden. (Warum ich dieses Wort benutze, wird dann später schon noch klar ...)

Und das kam so: Vor rund 175 Jahren, im Winter 1854, gab es sehr, sehr wenig Niederschlag. Die Folge: Der Zürichsee sank auf seinen tiefsten Stand seit Jahrhunderten. Das brachte Anwohner:innen auf die Idee, die Uferfläche zu vergrössern. Sie bauten also Dämme, um das wieder steigende Wasser zu stauen, und trugen hierfür einen Teil des Seegrunds ab. In Obermeilen stiessen sie dabei plötzlich auf sehr viele, sehr regelmässig eingeschlagene Pfähle, auf Steinwerkzeuge, Tonscherben und Knochen, die sie dem Zürcher Archäologen Ferdinand Keller zeigten. Der erkannte darin die Überreste einer Siedlung, der er auch gleich einen Namen gab: Pfahlbausiedlung. Seine Theorie: Die Pfähle trugen einst eine Plattform, auf der Wohngebäude standen. Wobei das allerdings nicht ganz der Wahrheit entsprach, sondern zumindest ein Stückweit Kellers Fantasie entsprang, was allerdings erst viel später mal jemand merken sollte.

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Die Schweiz im Pfahlbaufieber I: Der Forscher Jakob Messikommer am Pfäffikersee, 1885 (Quelle: Album Fritz Wiesendanger, Archiv Ortsgeschichte Wetzikon, Wetzipedia.ch)

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Die Schweiz im Pfahlbaufieber II: Verkleidete Männer am Neuenburger Schützenfest, 1882 (Quelle: Sammlung Schweizerisches Nationalmuseum)

Also bleiben wir erst mal bei diesem Bild – so wie damals die gesamte Schweiz. Und das erst noch voller Euphorie, die sozusagen staatlich noch geschürt wurde. Die Bundesverfassung von 1848 war zu diesem Zeitpunkt nämlich erst ein paar Jahre alt. Und mit ihr der Schweizer Bundesstaat, der National-, der Stände- und der Bundesrat sowie die demokratische Verfassung, wie wir sie bis heute kennen. Gleichzeitig war der bis heute letzte Bürgerkrieg der Schweiz, der Sonderbundskrieg von 1847, noch ganz frisch, also weitgehend unverdaut. Die Schweiz konnte einen vereinenden Nationalmythos also sehr, sehr gut brauchen. Entsprechend rasch wurde der Pfahlbau zum Symbol für eine gemeinsame Urgeschichte, die allen Konfliktherden zum Trotz wunderbar vereinend schien. Das Motto: «Ihr seid katholisch oder reformiert? Liberal denkend oder reaktionär? Völlig egal! Ihr seid letztlich alle gleich. Denn ihr stammt alle von den Pfahlbauer:innen ab! Und die waren übrigens total friedlich.»

Und auch wenn sich bald herausstellte, dass der Pfahlbau kein Schweizer Spezifikum war, ging man zunächst noch von einer Art «Sonderfall Schweiz» aus. Man schrieb Lieder und Theaterstücke über die Steinzeitmenschen, repräsentierte die Schweiz an der Weltausstellung in Paris mit einem riesigen Pfahlbauerbild, und wo immer es Gewässer gab, fing man an zu graben. Sogar Fischer tauschten ihre Netze gegen Zangen ein, um auf dem Seegrund herumzustochern. Denn ein prähistorischer Fund brachte deutlich mehr ein als ein paar Fische – natürlich auch am Pfäffikersee, der sich als wahre Goldgrube erwies und eine Zeitlang zum regelrechten Mekka der Pfahlbauforschung wurde.

Nicht zuletzt deshalb gibt es nun entlang des Pfäffikersees seit Kurzem einen Pfahlbauweg, ins Leben gerufen von der Kantonsarchäologie Zürich in Zusammenarbeit mit dem Ortsmuseum Wetzikon: zehn Stationen zwischen Pfäffikon und Wetzikon, für die man zu Fuss rund eineinhalb Stunden braucht. Und dabei so einiges erfahren kann. Etwa wie die Pfahlbauten überhaupt erst entdeckt und erforscht worden sind, dass 111 Fundstellen rund um die Alpen inzwischen – genauso wie die Chinesische Mauer, die Akropolis, Machu Picchu oder auch der Taj Mahal – zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören, und die Pfahlbauer:innen die ersten sesshaften Menschen überhaupt waren, zumindest hier in dieser Region. Vor rund 6300 Jahren, von circa 4300 bis 800 v. Chr., liessen sie sich nieder, bauten Getreide, Lein und Mohn an, hielten Rinder, Schweine, Schafe und Ziegen. Neben Infotafeln und kurzen Hörspielen, die man via QR-Code abrufen kann, gibt es an den einzelnen Stationen originale Bauhölzer und Replikas von Funden aus der Region, so etwa Kochtöpfe, bronzene Kleidernadeln, Reste von Textilien oder auch Jagdwerkzeug – von Dolchen über Speerspitzen aus Hirschgeweih bis hin zu Stahlpatronen, die heutiger Munition nicht mal so unähnlich sehen.

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Zu Beginn des Wegs stimmen Pfähle im See schon sachte auf das Thema ein ...

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... genauso wie von Schilf umwachsene Holzstege, die an die Pfahlbauzeit erinnern.

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In Vitrinen findet man Replikas von Funden aus der Region, hier etwa eine Speerspitze aus Hirschgeweih, Pfeilspitzen aus Feuerstein, Bronze und Eisen sowie eine Patrone aus Stahl

An jeder Station kann man zudem ein Rätsel lösen. Und am besten macht man das an einem Sonntag. Denn wer alle Fragen richtig beantwortet hat, kann am Ende einen kleinen Preis abholen – im Museum Wetzikon, das sonntags jeweils von 14 bis 17 Uhr geöffnet ist und ausserdem zahlreiche weitere Schätze zu bieten hat: von der Geschichte einer der ältesten erhaltenen Türen Europas, die im Wetzikoner Stadtteil Robenhausen gefunden wurde, über ein historisches Pfahlbaumodell bis hin zu originalen Werkzeugen aus der Steinzeit, die man nicht nur anfassen darf, sondern sogar soll. Womöglich aber der Höhepunkt für die meisten Kinder: die originalgetreu reproduzierte Pfahlbaukleidung, in die man auch selbst schlüpfen kann. Es gibt hier Beinlinge aus Ziegenleder, Flechtschuhe aus Lindenbast, Leinenhemden, mit Kirschkernen verzierte Ledergürtel (inklusive Hakenverschluss aus Rinderhorn), Basthüte, die wie kleine Strohdächer auf den Köpfen sitzen, oder eine Halskette aus Schneckenhäusern, Wolfszahn und Sandsteinperlen. Überhaupt ist das Museum Wetzikon ein Ort des Anpackens, Aktivwerdens, Selbermachens. Das in die Ausstellung integrierte offene Atelier hat mehr GZ- als Museumscharakter: Hier kann man – natürlich inspiriert von den Pfahlbauer:innen – selbst Schmuckstücke herstellen, Mehl mahlen, Steine schleifen oder Feuer schlagen.

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Im Museum Wetzikon (kleines Bilderrätsel: Wer findet den Schwingbesen auf Foto Nr. 2?)

Der grosse Star der Ausstellung übrigens: Jakob Messikommer, ohne den wir so einiges Wissen über damals vielleicht bis heute nicht hätten. Eigentlich Landwirt, hörte er 1854, dass ein Lehrer in Meilen Pfahlbaufunde gemacht hatte. Und von da an war er wie besessen: Er wollte unbedingt auch etwas finden – koste es, was es wolle. Er grub und grub und grub und grub, letztlich vier Jahrzehnte lang. Und stiess dabei nicht nur auf einen menschlichen Unterkiefer sowie eine Pfeilspitze (seine ersten beiden Funde), sondern kurz darauf gleich auf das ganze Robenhauser Ried, das eine Zeitlang zu einem wichtigen Zentrum der Pfahlbauforschung wurde, weil sich dort so viele so gut erhaltene Dinge fanden. Sümpfe und Wasser konservieren schliesslich ausserordentlich gut. Denn wo wenig Sauerstoff ist, wird die Zersetzung von Holz, Leder und anderen organischen Materialien deutlich verlangsamt. Besser ist – man denke etwa an Ötzi – nur noch Eis, das die Verrottung sogar regelrecht stoppt.

Jedenfalls: Messikommer wurde schon bald zu einem solch wichtigen Assistenten der Archäologie, dass er zunächst im Auftrag von Professoren zahlreiche Grabungen leiten durfte und die Uni Zürich ihn schliesslich gar zum Ehrendoktor ernannte. Er war es übrigens auch, der – ein absoluter Sensationsfund! – die bereits erwähnte Tür von Robenhausen fand, die über 5500 Jahre alt ist und heute im Landesmuseum Zürich steht (in der wunderschön gestalteten Ausstellung «Archäologie Schweiz»).

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Jakob Messikommer in seinem Forschungsgebiet Robenhauser Ried, 1908 (Quelle: Album Fritz Wiesendanger, Archiv Ortsgeschichte Wetzikon, Wetzipedia.ch)

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Im gesamten Land galt er als eine Art Archäologie-Star: Artikel in der «Schweizer Familie» anlässlich seines 100. Geburtstags, 1928 (Quelle: Album Fritz Wiesendanger, Archiv Ortsgeschichte Wetzikon, Wetzipedia.ch)

Der Pfahlbauweg lohnt sich aber auch ohne Preis und Museumsbesuch. Er führt nämlich quer durchs Naturschutzgebiet, vorbei am schönen Chämptnerbach, an Seerosen, sanften Hügeln und riesenhaften Mohnfeldern. Wer Lust hat, kann einen Zwischenstopp im Strandbad Auslikon machen (bei Station 6) oder auf dem Juckerhof Seegräben (ganz nahe der Station 8). Zudem gibt es unterwegs Feuerstellen, eine tolle Burgruine, Kiosks und Restaurants.

In die zahlreichen Schattierungen von Grün – von moos- über lindgrün bis hin Smaragd, Grünspan oder Absinth – mischen sich knallrote Bänke und der leuchtende Mohn. Und ab und an hüpft auch mal ein Storch durch das Bild.

Wer die verschiedenen Farben, an denen man vorbeikommt, genauer bestimmen möchte – die von den Blättern im Schatten und denen im Licht, dem Wasser mit Sonne aus einem ganz spezifischen Einfallswinkel –, kann das übrigens mit dem wunderbaren Buch «Werners Nomenklatur der Farben» tun, das auch schon Charles Darwin zur Farbbeschreibung verwendete und das den Farben jeweils Referenzen aus der Natur (Tiere, Pflanzen, Minerale) zuweist. Der Nummer 50, dem Spangrün, zum Beispiel die Schwanzfedern des kleinen Langschwanz-Edelsittichs, dem Saftgrün die Blattoberseite des verholzten Bittersüssen Nachtschattens oder dem Smaragdgrün den Flügelspiegel der männlichen Krickente. Alternativ geht natürlich auch ein Pantone-Fächer, der zwar ganz schön kostspielig ist, dafür aber ganze 2800 Farbtöne enthält und erst noch besser in den Rucksack passt.

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Schattierungen von Grün, Rot und Braun kann man wie einst Charles Darwin mit einem Buch bestimmen

Auch die Geräuschkulisse ist nicht schlecht: Störche klappern, Grillen zirpen, Bienen summen. Und ab und zu auch mal ein Roboter-Rasenmäher.

Wo wir schon bei der Beschreibung von Dingen sind, übrigens: Wie kann es eigentlich sein, dass in den Vitrinen unter einer Lochaxt steht, sie sei circa 4300 v. Chr. gefertigt worden? Wie bestimmt man das Alter eines Gegenstands, den man zufällig einfach irgendwo findet?

Die Antwort ist natürlich komplex. Denn meist verbinden Archäolog:innen mehrere Methoden. Sehr oft angewandt wird etwa die Chronotypologie: Man analysiert, wie ein Objekt hergestellt worden ist, seine Form und die Art der Verzierung. Dann vergleicht man es mithilfe einer riesigen Datenbank, die ähnliche Funde beschreibt. Und wenn eine Kulturschicht dann zum Beispiel Keramikscherben enthält, deren Form typisch ist für die Periode xy, kann man damit nicht nur diese Scherben selbst datieren, sondern im Grunde auch alle anderen Funde derselben Schicht. Gleichzeitig geht man davon aus, dass Gegenstände aus tiefer liegenden Schichten älter sind als solche direkt unter der Oberfläche, was bei einzelnen Objekten manchmal plötzlich Rückschlüsse zulässt, die für die Archäologie weltweit von Bedeutung sind.

Neben diesen relativen Datierungsmethoden gibt es aber auch absolute. So kann man das Alter von organischen Stoffen zum Beispiel dank der Radiokarbonmethode ziemlich genau bestimmen. Denn alles Lebendige nimmt, neben vielem anderen, auch laufend Karbon 14 auf. Sobald ein Organismus stirbt, wird diese Zufuhr aber gestoppt und das radioaktive Karbon beginnt zu zerfallen. Sein noch vorhandener Gehalt in Holzkohleresten, Knochen oder Getreidekörnern zeigt also an, wann ein Mensch gestorben ist, ein Baum gefällt oder ein Korn geerntet wurde – und zwar auf ungefähr 100 Jahre genau.

Bei Gegenständen aus Holz gibt es sogar eine noch bessere Methode, die Objekte oft aufs Jahr genau datieren lässt: die Dendrochronologie. Denn sie basiert auf den Jahresringen von Bäumen. Und diese werden in Jahren mit guten Wachstumsbedingungen breiter als in Jahren mit schlechten Bedingungen (zum Beispiel grosser Trockenheit). Bäume derselben Art – etwa Birke, Ahorn oder Esche – weisen in derselben Region also jeweils die gleiche charakteristische Abfolge von schmalen und breiten Jahrringen auf, die so einzigartig ist wie ein Fingerabdruck. Und diese Abfolgen werden in Jahrringkalendern abgebildet, die Jahrzehnte oder gar ganze Jahrhunderte abbilden.

Möchten Sie mal raten, wie weit der aktuell beste Jahrringkalender der Welt – der Hohenheimer Jahrringkalender für Mooreichen und Kiefern aus Süd- und Ostdeutschland – lückenlos zurückreicht? Ich verrate es Ihnen gerne: Es sind 12 483 Jahre, zurück bis ins Jahr 10 480 v. Chr., in die Endphase der letzten Eiszeit also.

Selbst wenn man ganz exakt sagen kann, wie alt ein bestimmter Gegenstand ist, heisst das aber noch lange nicht, dass man dann auch weiss, wozu er nützlich war. Genau wie Goethes «Faust», Godards «Weekend» oder Picassos «Guernica» muss man nämlich auch archäologische Funde interpretieren, um sie wirklich zu verstehen. Denn natürlich sind die Objekte nicht angeschrieben mit «Mich benutzte man zum Kochen» oder «Hier fehlen noch genau zwei Drittel». Man muss also möglichst clever kombinieren, die richtigen Vergleichsgrössen heranziehen, in seinem ganzen Wissen kramen – und nicht zuletzt die Fantasie benutzen.

Doch auch der sind natürlich Grenzen gesetzt. Denn erkennen kann man in der Regel nur, was man schon kennt, wie etwa die Geschichte des Riesen von Reiden zeigt: Im Jahr 1577 fand man im luzernischen Reiden einen riesenhaften Knochen, den ein Stadtarzt als den Knochen eines Riesen identifizierte, dessen Grösse er auf 16 Werkschuh und 4 Zoll (5,6 Meter) rekonstruierte. 1706 bestätigte der bekannte Zürcher Arzt und Naturforscher Johann Jakob Scheuchzer diesen Befund. Denn damals wusste ja noch niemand, dass während der letzten Eiszeit hierzulande Mammuts gelebt hatten. In Märchen und Sagen kamen aber Riesen vor – und waren somit zumindest im Bereich des Denkbaren angesiedelt.

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Müssen interpretiert werden wie Goethes «Faust» oder Picassos «Guernica»: archäologische Funde, hier Reste von Pfahlbausiedlungen im neuenburgischen Cortaillod, 1884 (Quelle: Laténium, Archäologiepark und Museum, Neuenburg)

Im Museum Wetzikon hört man ähnliche Geschichten. Jakob Messikommer war nämlich der Erste, der Textilreste aus der Pfahlbauzeit gefunden hat. Er warf sie aber fort, da sein Vorgesetzter sagte, sie könnten unmöglich aus der Urzeit stammen. Wie unrecht er hatte, zeigte sich erst, als Messikommer einige Jahre später Tonkegel mit Löchern fand – neben Textilresten und hölzernen Messern, die als Webmesser gedient haben könnten. So liess sich rekonstruieren, dass die Pfahlbauer:innen tatsächlich bereits Webstühle hatten, denn die Tonkegel waren wohl Webgewichte. Zu dieser Interpretation kamen die beteiligten Archäolog:innen, da sie sich des Wissens der Ethnologie bedienten und die Techniken nicht industrieller Völker zur Rekonstruktion beizogen.

Ebenfalls falsch war – wie eingangs schon angekündigt – die ursprüngliche Annahme in Bezug auf die Pfahlbauer:innen. Die von Ferdinand Keller entdeckten Pfähle steckten nämlich so eng nebeneinander im Morast, dass er davon ausging, sie hätten eine Plattform getragen, auf der wiederum dann das ganze Dorf stand. Das ist aber falsch: Mittels Dendrochronologie konnte man inzwischen nachweisen, dass diese Holzpfähle aus ganz verschiedenen Epochen stammen – von der Stein- bis in die Bronzezeit. Dass also an derselben Stelle, in derselben Bucht über Jahrtausende immer wieder neue Häuser gebaut worden waren – teils zwar tatsächlich auf Pfählen, in der Regel aber jedes Haus einzeln stehend und zudem am Ufer, sodass einzelne Bauten nur bei Hochwasser quasi im See standen. Streng wissenschaftlich gesehen müsste man heute also eigentlich von Feuchtboden-, nicht mehr von Pfahlbausiedlungen sprechen. Zudem konnten zur selben Siedlung durchaus weitere Häuser gehören, die etwas weiter vom Ufer entfernt oder höher lagen. Von denen blieb aber weitaus weniger erhalten.

Kellers Irrtum hängt also auch mit der Eigenschaft von Wasser und von Sumpfgebieten zusammen, Objekte derart gut zu konservieren. Denn so entdeckt man die Ufersiedlungen heute mit viel höherer Wahrscheinlichkeit als jene, die auf trockenem Land gebaut waren. Marc-Antoine Kaeser, Professor für Urgeschichte an der Uni Neuenburg, sagte hierzu einmal: «Stellen Sie sich vor, es gäbe heute eine grosse Katastrophe, und nur die Wohnungen im dritten Stock blieben erhalten. Es würde auch keinen Sinn machen, von einer Kultur des dritten Stocks zu sprechen.»

Letztlich ist die Interpretation eines Fundes also immer eine These, die dann bestätigt oder wieder verworfen werden kann. Eine immer beliebtere Methode hierfür wird übrigens die Living Science, eine Art experimentelle Archäologie – häufig gekoppelt an TV-Formate, die Geschichte erlebbar machen. Denn wenn bisher unidentifizierte Gegenstände halt einfach mal so rumliegen und sie dann intuitiv auf eine ganz bestimmte Weise angewendet werden, macht es manchmal plötzlich «Klick». Gleichzeitig kann man das Gruppenverhalten unter ganz spezifischen Bedingungen beobachten oder auch Dinge messen: wie stark sich Karies bildet und das Zahnfleisch entzündet etwa, wenn ein Mensch wochenlang keine Zahnbürste benutzt, aber dennoch fleissig Honig und Fruchtzucker isst. So wurde etwa auch das SRF-Experiment «Pfahlbauer von Pfyn», das 2007 zwei Familien einen Monat lang wie in der Steinzeit leben liess, wissenschaftlich begleitet, genauso wie sein SWR-Pendant «Steinzeit – Das Experiment». Da zeigte sich zum Beispiel: Der tägliche Kalorienverbrauch eines Steinzeitmenschen glich – zumindest gemäss den Messungen der TV-Crew – den Extremleistungen eines Radprofis (wobei der Stress, ständig von einer Kamera begleitet zu werden, hierzu womöglich noch das Seine beigetragen hat).

Was die Sendung zudem anschaulich machte: Die allermeiste Zeit verbrachten die Menschen damals mit der Zubereitung von Essen, also mit Beerensammeln, Jagen, Fischen oder dem Mahlen von Getreide. Anstatt Netflix zu gucken oder auf eine Shoppingtour zu gehen, sassen sie ganz einfach stundenlang, ja tagelang beisammen, um Körner zu mahlen, aus denen sie dann eine Art Porridge kochten – freilich ohne Zimt, Zucker und Vollrahm aus der Flasche.

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Aus Simone Benguerels Paläo-Kochbuch: Wildschwein mit Holunderbeeren, sauren Äpfeln und Eierschwämmen

Obwohl: Laut der Steinzeitforscherin Simone Benguerel waren die Pfahlbau-Menüs eigentlich gar nicht mal so schlecht. Ihr Buch «PalaFitFood – So schmeckt die Pfahlbauküche» ist eine Art wissenschaftliches Kochbuch mit Rezepten, die auf Erkenntnissen über die Jungsteinzeit basieren. Und obwohl man damals noch fast ohne Gemüse auskommen musste: Die machen tatsächlich Lust aufs Nachkochen. Wir empfehlen es jedenfalls sehr – ob Wildschwein mit Holunderbeeren und Pilzen, Pastinaken-Apfel-Suppe, Rehzunge auf Erbsenmus, getrocknetes Hirschfleisch im Ahornblatt, Salat mit Gänseblümchen, Mohnkuchen oder geräucherte Forelle im Quark.

Ja, haben die tatsächlich alles gegessen! Woher man das so genau weiss? Von Essensresten, die auf Scherben von Kochtöpfen klebten, auf tönernen Schalen oder Holzlöffeln, aber auch von verkohlten Samen, ausgegrabenen Nussschalen oder Tierknochen.

Bleibt eigentlich nur noch die Frage, was wohl von uns einst übrigbleiben wird. Obwohl: Im Grunde wissen wir das ja. Sollte – jetzt mal rein hypothetisch – aus irgendwelchen Gründen bald unsere Zivilisation verschwinden, weil, wie einst bei den Dinosauriern, ein Meteoriteneinschlag das ganze Klima verändert (gut, das können wir ja eigentlich schon selbst ganz gut), weil eine Atomkatastrophe, die allgemeine Verblödung, in sich selbst implodierende Autokratie oder was auch immer zuschlägt, dann fänden, falls vielleicht doch noch ein paar Menschen überlebt haben sollten, unsere Nachkommen einst – ja, was wohl? Vermutlich ein paar Aludosen und seeehr viele Babywindeln – die zersetzen sich drum erst nach so ungefähr 800 Jahren –, vor allem aber jede Menge Glasflaschen und dieses coole, fluffige Verpackungsmaterial aus Styropor. Bei beiden dürfte es nämlich so um die 50 000 Jahre dauern, bis nichts mehr davon übrig ist. 50 000 Jahre! Das ist länger als unser Abstand zu der Zeit, in der noch Neandertaler:innen lebten.

Es wäre natürlich schön zu wissen, welche Art der Zivilisation sich die Archäologie der Zukunft daraus zusammenreimen würde. Vielleicht ersänne sie ganze Städte aus Styroporchips sowie Betten aus Glas mit ganz, ganz vielen Babys drin – weil ihrer Berechnung nach Erwachsene im Schnitt wohl so um die dreissig Kinder hatten? Ach, Quatsch! So doof ist die Archäologie nicht. Mitnichten. Sie kommt der Wahrheit oft sogar erstaunlich nah, wie immer neue Befunde bestätigen. Und das, obwohl sie meist auf das Allerzentralste nicht zugreifen kann: schriftliche oder bildliche Zeugnisse aus der Zeit selbst, die erzählen, wie es wirklich war, ja gar Gedanken und Gefühle konservieren.

Für die Menschen, die in ferner Zukunft mal von uns berichten wollen, sollte das zwar kein Problem mehr sein, denken wohl viele – Insta, TikTok und Co. sei Dank. Doch das ist ein Trugschluss. Denn die jeweils zentralen Datenträger einer Zeit – von Lochkarten über Floppy Disks bis hin zur heutigen Cloud – überleben sich in immer kürzer werdenden Abständen stetig selbst und müssten im Grunde ständig wieder gesamthaft umkopiert werden, um langfristig erhalten zu bleiben.

Ein bisschen Hoffnung aber gibt es. Und sie kommt, wie schon so oft, von der ETH. Hier fragten sich die beiden Chemiker Robert Grass und Wendelin Stark nämlich, wie wir unsere heutigen Informationen wohl am besten für die Nachwelt konservieren. Und die Antwort fanden sie – tatsächlich: in der Archäologie! Oder besser gesagt: in Fossilien, und somit dem ältesten Speichermedium der Welt. Das ist nämlich nicht etwa eine Tontafel, in die einst Hieroglyphen geschnitzt wurden, sondern die Natur selbst: die DNA. Die beiden Forscher entwickelten also eine Art künstliches Erbmaterial – mit spektakulärem Erfolg. Auf nur wenigen Gramm ihrer Hightech-Kapseln könnten nun nämlich – um mal eine stattliche Datenmenge als Beispiel zu nennen – alle YouTube-Videos der Welt für Millionen von Jahren konserviert werden. Der Ansatz ist derart revolutionär, dass es vom Europäischen Patentamt dafür gleich den Erfinderpreis gab.

Wir sagen’s ja: Zürich ist ein Ort der Erfindungen ...

P.S. Wer ganz ohne Fussweg ein bisschen Pfahlbauluft schnuppern will, kann das auch im archäologischen Fenster beim Bellevue tun. Beim Bau des Parkhauses Opéra kamen hier 2010 nämlich sensationelle Funde – rund 40 000 an der Zahl – zum Vorschein, die in einer neunmonatigen Rettungsgrabung geborgen wurden. Dabei stellte sich heraus, dass auf dem Gebiet des heutigen Sechseläutenplatzes Teile von insgesamt acht Pfahlbausiedlungen erhalten geblieben waren. Diese kann man – neben Replikas von Fischernetzen, Bootsrudern oder Steinwerkzeugen – nun vor Ort mittels interaktiver App erkunden, inklusive Filmaufnahmen der Unterwassergrabungen.

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Route: durch das Naturschutzgebiet entlang des Pfäffikersees von Pfäffikon nach Wetzikon (rollstuhlgängig und kinderwagentauglich)

Ungefähre Wanderzeit:
eineinhalb Stunden

Verpflegung:
diverse Feuerstellen unterwegs, Strandbad Auslikon, Juckerhof Seegräben, Kiosks

Öffnungszeiten Museum Wetzikon: Jeden Sonntag 14:00 – 17:00 Uhr, Juli und August geschlossen. Schulklassen oder Gruppen können auch ausserhalb der Öffnungszeiten Führungen oder Workshops buchen.